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Ehrenamt: Warum ich meine Zeit „verschenke“

Bis jetzt melden sich wenig junge Menschen für das „Zeit schenken“, dabei ist es zeitlich für Studenten gut zu leisten – und die Betreuten freuen sich über den Kontakt. Foto: Netzwerk Selbsthilfe

Ich hatte nie ein sonderlich enges Verhältnis zu meinen Großeltern. Sie wohnten in Nordrhein-Westfalen und ich sah sie nur ein paar Mal im Jahr, wenn es hochkommt. Manchmal wünschte ich mir schon, dass unser Kontakt enger wäre und sie in meiner Nähe leben würden.

Im Rahmen meiner Arbeit als freiberufliche Journalistin hatte ich dafür häufiger mit älteren Menschen zu tun, zumBeispiel, wenn ich für die diakonische Stiftung Friedehorst unterwegs war. Dann merkte ich wieder, dass ich mit älteren Menschen gut konnte und Gefallen an unseren Gesprächen fand. Als ich letztes Jahr von dem ehrenamtlichen Projekt „Zeit schenken“ las, bei demman Zeit mit pflegebedürftigen Menschen verbrachte, überlegte ich: Könnte das etwas für mich sein?

Ich nahm Kontakt zu dem Verein „Netzwerk Selbsthilfe“ auf, der hinter dem Projekt „Zeit schenken“ steckt. Die Idee richtet sich an Ehrenamtliche, die sich für andere Menschen Zeit nehmen wollen und natürlich an die Menschen, die genau diese brauchen. Bedingt durch einen Unfall, Krankheit oder hohes Alter kann schließlich jeder von körperlichen Einschränkungen betroffen sein, die es unmöglich machen, solche Besuche selbst zu organisieren. Dabei geht es explizit nicht um häusliche Pflege, wie der Verein betont, sondern um den Kontakt mit anderen Menschen. Mir gefiel die Idee.

Ein erstes Kennenlernen

Der Verein organisierte eine Kennenlern-Runde, zu der mehrere Ehrenamts-Interessierte kamen und Fragen stellten: Wie oft werden die Besuche stattfinden? Kann ich mir mein Gegenüber aussuchen? Was tun, wenn es nicht passt? Wie gehe ich mit dementen Senioren um? Die damalige Projektverantwortliche war eine junge, engagierte Frau, die sich sehr bemühte und uns mit ihren Antworten die anfängliche Skepsis nahm. Bisher engagieren sich leider nur wenige junge Menschen in dem Verein. Was eigentlich schade ist, denn viele der Senioren würden gerne von jüngeren Menschen Besuch bekommen, wie mir die Projektverantwortliche erzählte. Gerade weil man die Treffen zeitlich flexibel gestalten kann, ist „Zeit schenken“ für Studenten ideal.

Bei der Kennenlern-Runde füllte ich einen Fragebogen mit meinen Interessen, bevorzugten Stadtteilen für Besuche und eventuellen „No-Go’s“ aus (zum Beispiel Raucherhaushalt, Haustiere, Demenz). Ein paar Wochen später bekam ich einen Anruf des „Netzwerks Selbsthilfe“: Eine ältere Dame, Mitte 70 mit starker Seheinschränkung, wollte mich kennenlernen.

Zu dem ersten Besuch begleitete mich Anneke Imhoff, die das Projekt in dem Verein koordiniert. Sie hielt sich im Hintergrund, aber fragte ab und zu nach, was wir beide uns von den gemeinsamen Treffen wünschen und wie wir uns organisieren wollen. Die Seniorin war eine aufgeschlossene Dame, mit der ich schnell warm wurde. Da ihre Gelenke zunehmend nicht mehr mitspielten, hatte sie das Haus seit etwa zwei Jahren nicht mehr verlassen. Ausflüge nach draußen kamen also nicht in Frage. Wir vereinbarten, dass ich sie von nun an montags nachmittags in ihrer Wohnung besuchen komme. Das liegt nun ein halbes Jahr zurück.

Manchmal schön, manchmal anstrengend

Manchmal waren unsere Treffen richtig schön: Wir aßen Kuchen, redeten über ihre Enkelkinder, Bremer Politik oder das Fernsehen. Wenn man jung ist, nimmt man viele Dinge wie Gesundheit, Freunde oder Unternehmungen als selbstverständlich hin. Die Treffen mit ihr machten mir wieder bewusst, dass es nicht dauerhaft so sein würde.

Manchmal war genau das ziemlich belastend für mich. Zum Beispiel, wenn es ihr körperlich schlecht ging, sie traurig war, weil sie wenig Besuch bekam oder ihr einfach die Decke auf den Kopf fiel. Es fiel mir sehr schwer, eine Bindung zu ihr aufzubauen und das gleichzeitig nicht zu sehr an mich heran zu lassen. Und dann gab es wieder diese kleinen Momente, in denen ich genau wusste, warum ich mich für dieses Ehrenamt entschieden hatte. Als ich ihr zu Weihnachten ein Paket überreichte, das ich mit Bremer Spezialitäten gefüllt hatte, war sie im ersten Moment sprachlos. Dann drückte sie mich und sagte: „Danke, dass Sie mich immer besuchen.“

Mehr Infos zu dem Projekt „Zeit schenken“ gibt es unter: www.netzwerk-selbsthilfe.com/zeit-schenken.html

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Letztes Update: 29. Mai 2017

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