Artikel aus "Karriere"

Kleine Typologie der Zum-Absolventenkongress-Geher

Als „kürzester Weg zum Traumjob“ preist sich der Absolventenkongress in Köln an. Mehr als 10.000 Studierende folgen jährlich diesem Lockruf und pilgern aus der ganzen Bundesrepublik in den Westen, um den „Karrierehöhepunkt des Jahres“ zu erleben und einen Fuß in die Tür der „attraktivsten Unternehmen des Landes“ zu bekommen. Dementsprechend lang sind die Warteschlangen – und es bleibt viel Zeit, seine Mitmenschen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Der gemeine Zum-Absolventenkongress-Geher, oder ZAG, ist mittelgroß, zwei-befußt und trägt je nach Unterart entweder ein unbequemes Kostüm (weiblich!), einen unbequemen Anzug (männlich!) oder eine Jeans mit Kapuzenpullover (Ingenieur!). Seine Lebenserwartung ist stark begrenzt, meistens beginnt sie im Bus nach Köln am 30. November und endet im Bus zu seiner Heimatstadt am 1. Dezember. Danach erfolgt die Re-Metamorphose zum gewöhnlichen Studenten. Es gibt vom ZAG mehrere  Ausprägungen, die nun genauer betrachtet werden sollen:

1. Der Renner

Diese besondere Variante ist beständig auf den Beinen, bewegt sich mit schnellen Schritten von einem Stand zum anderen und sammelt dabei Infomaterialien, Kugelschreiber und Beutel. Manchmal wechselt er ein paar gehechelte Worte mit den Ausstellern, um dann zum nächsten Stand zu rennen. Manche Renner kommen, wie es scheint, absichtlich zu spät zum Kongress, um sich dann bei jeder Veranstaltung schnaufend vordrängeln zu können. Gesprächig ist der Renner eher nicht, dafür ist er sportlich und versteht es, auch größere Hindernisse geschickt zu überwinden.

2. Die adlige Juristin

Die Juristin aus gehobenem Hause trägt hochhackige Schuhe, eine dezente Ledertasche, klassisches Makeup und die Haare streng nach hinten gekämmt. Mit ihren Adleraugen sucht sie den Kongress gezielt nach den großen Rechtsberatungsfirmen ab und schlägt dort zu. Sie interessiert sich nicht für Kugelschreiber und Gummibärchen, sondern möchte auf dem Kongress das vierte Praktikum klarmachen, ihre eigenen Visitenkarten verteilen oder sich mit den Vertretern der Firmen über das letzte Geschäftsessen unterhalten.

3. Der Bummler und Graser

Bummler trifft man häufig in Gruppen. Sie sind eher jünger als die anderen und streifen scheinbar ziellos umher. Doch dieser Eindruck trügt – tatsächlich sind die Bummler immer auf der Suche nach dem coolsten kostenlosen Gadget, dem besten Gewinnspiel oder den größten Giveaway-Tüten. Da sie sich im normalen Leben noch am Anfang ihrer Studienlaufbahn befinden, haben sie kein allzu großes Interesse an zukünftigen Arbeitgebern, sondern wollen vor allem Spaß haben und für die nächsten drei Semester mit Bleistiften, Postit-Blöcken und Kulis versorgt sein. Wenn der eine oder andere Wirtschaftsprüfer kostenlose Taschenrechner anbietet, werden sie auch gerne genommen.

4. Der Spezialist

Der Spezialist lässt sich daran erkennen, dass er ein Namensschild mit der Aufschrift Ngyyibnhts Khhkaabhihihb – Submarine Mikrobiochemische Fließverfahrensfluidtechnik trägt. Er kennt seinen Arbeitgeber schon und sein Arbeitgeber kennt ihn schon. Das bietet dem Spezialisten die Möglichkeit, in aller Ruhe die Würstchen für 5€ zu essen, sich dann Vorträge über Lean Management anzuhören und gegen Abend noch kurz bei seinem zukünftigen Chef vorbeizuschauen und über die letzten Theorien und Erkenntnisse seines Faches zu quatschen. Er weiß, dass es für seinen Job auf der Welt nur ihn gibt und diese Sicherheit strahlt er aus. Kommunikation ist mit ihm nicht möglich, da er zwar Indisch, Arabisch, Chinesisch und Tagalog spricht, jedoch weder Deutsch noch das Englisch, das wir kennen.

5. Die Aktivistin

Diese den hyperaktiven Volontärinnen zuzuordnende Gattung der ZAG besitzt einige Eigenschaften, die auf dem Absolventenkongress sonst niemand hat. Erstens war sie schon in allen Krisengebieten der Welt während ihrer drei FSJs als Helferin, zweitens kennt sie sämtliche Vertreter der großen Firmen, jedoch nicht von Assessment-Centern, sondern eher aus dem Gerichtssaal in Den Haag. Drittens weiß sie, dass ihre Karriere entweder bei der Geo, der National Geographic, Amnesty International oder den Ärzten Ohne Grenzen liegen würde. Trotzdem kommt sie zum Absolventenkongress, um dies auch den anderen ZAG klarzumachen. Sie ist die einzige, die nicht mit dem Bus oder der Bahn kommt, sondern mit einer Mitfahrgelegenheit direkt aus Kiew. Für die Kugelschreiber und Gummibärchen hat sie nur ein müdes Lächeln übrig.

6. Der Diskuteur

Dieser unangenehme Zeitgenosse kommt auf den Kongress, um mit den Fachbereichsvertretern der Unternehmen über aktuelle Trends zu diskutieren. Vorher hat er sich auf deren Webseiten schlau gemacht und will nun damit glänzen. Auch er sucht hier keinen Job, meistens hat er sogar schon einen, der mit seinem angeblichen Fachgebiet überhaupt nichts zu tun hat. Stattdessen redet er stundenlang mit dem Corporate-Finance-Chef der Deutschen Bank über Kreditklemmen, mit dem Automotive-Direktor von Continental über energie-rückgewinnende Bremssysteme und merkt dabei nicht, dass andere ZAG auf die Gelegenheit, mit diesem Ansprechpartner zu sprechen, monatelang gewartet haben. Am Ende des Tages sitzt der Diskuteur alleine im Zugabteil und teilt seiner Oma über den Blackberry die wichtigsten Informationen des Tages mit.

7. Das Muttersöhnchen

Das Muttersöhnchen hat seine Mama mitgebracht. Diese kommt noch bis zur Garderobe mit auf den Kongress und sitzt dann den Rest des Tages draußen mit den anderen Müttern in einem Café. Währenddessen stiehlt sich ihr Sprössling von einem Stand zum nächsten und traut sich nicht, jemanden anzusprechen. Am Ende des Tages ist sein gesamtes Geld für Cola und Pommes draufgegangen und er hat nicht ein Wort gesagt. Armer Bursche!

8. Das Modell

Das Modell kommt auf den Absolventenkongress mit vollständigen Bewerbungsunterlagen, die es gleich bei mehreren CV-Checks analysieren lässt. Dabei muss es immer mehrere Stunden anstehen. Anschließend lässt das Modell bei ebenso vielen kostenlosen professionellen Fotografen Bewerbungsfotos anfertigen und klebt diese auf die vorgedruckten Lebensläufe. Als das Modell diese jedoch abgeben will, ist der Absolventenkongress bereits vorbei. Dafür ist es für den nächsten Kongress gut vorbereitet.

Übrigens: Der Besuch des Kongresses kann sich durchaus lohnen, wenn man sich gut vorbereitet. Und wenn man starke Nerven hat.

Letztes Update: 6. April 2012

Weitersagen!