Artikel aus "Rest des Lebens"

Umweltbewusstes Shoppen: Ein zweites Leben für das ehemalige Lieblings-Shirt

Umweltbewusstes Shoppen: Es dauert nicht lange, da sind die begehrtesten Exemplare unter den Besucherinnen verteilt.

Zwölf bis 17 Kilo Kleidung kaufen die Deutschen pro Jahr, eine ganze Menge. Als ich vor meinem Kleiderschrank stehe, wird mir bewusst: Hier muss dringend ausgemistet werden. Mir fallen einige Shirts und Oberteile in die Hände, die ich nicht mehr trage, die zum Wegschmeißen aber auch zu schade sind. Ich entscheide mich schweren Herzens für etwa zehn gut erhaltene Exemplare und packe sie in eine Tüte. Ich möchte sie mit zu einer Kleidertauschparty nehmen: Kleider tauschen statt kaufen – das schont schließlich Geldbeutel und Umwelt.

 

Es ist ein warmer Sommerabend und langsam füllt sich der ehemalige Friseurladen in der Findorffer Hemmstraße. Die überwiegend weiblichen Besucherinnen haben alle dicke Tüten dabei, die sie zu Fuß oder mit dem Fahrrad bringen. Hier in der Hausnummer 157 soll heute Abend kräftig getauscht werden und die bunten Accessoires einen neuen Besitzer finden. Gertraud Gauer-Süß vom Bremer Informationszentrum für Menschenrechte (biz) nimmt die Kleidung entgegen, sortiert sie nach Blusen, Hosen, Shirts, Schuhen oder Kleidern und verteilt sie auf Holzbänke und Kleiderständer. „Im Kaufhaus fühlt man sich häufig erschlagen von der Menge. Genau da setzen wir an: Mit Aktionen wie der Kleidertauschparty geben wir der Kleidung ihre Wertigkeit zurück“, sagt Gauer-Süß, die die Aktion gemeinsam mit dem Weltladen Bremen veranstaltet. „Alles, was wir konsumieren, verbraucht Ressourcen – das ist schlecht für das Klima.“

 

„Klimamarkt“ gibt Einkaufstipps

Das Thema Klimaschutz und Ressourcen steht auch beim Klimamarkt im Fokus, der heute als Veranstaltungsort dient. Seit dem 6. Juni ist der temporäre Pop-up-Laden „2050 – Dein Klimamarkt“ neben dem Comet-Laden in der Hemmstraße zu finden. Bis Anfang 2014 tourt er durch verschiedene Bremer Stadtteile und informiert Bremerinnen und Bremern spielerisch darüber, welche Produkte man guten Gewissens kaufen kann – und dabei noch das Klima schont.

Der detailgetreue Supermarkt besteht komplett aus wiederverwendbarer Pappe und ist ein Projekt der Landesklimaschutzagentur energiekonsens: Seit 1997 verfolgt sie das Ziel, den CO2-Ausstoß in Bremen zu reduzieren, und sie hat seitdem rund 450 Projekte umgesetzt. Das Klimamarkt-Projekt greift das Thema Konsum auf eine niedrigschwellige Art auf. Besucher erhalten einen Papp-Einkaufskorb, in den ganz alltägliche Konsumgüter kommen: Shirts, Jeans, Smartphone, regionale Waren wie Milch, Wurst oder Komposterde. An der Kasse bekommt jeder Kunde dann eine Quittung – allerdings nicht in Euro, sondern mit Handlungsempfehlungen, die den CO2-Ausstoß im Alltag reduzieren sollen. „Wir regen damit an, das eigene Konsumverhalten zu überprüfen“, erzählt Projektleiterin Janina Schultze.

 

Tauschen statt kaufen

Mit der Kleidertauschparty wollen die Akteure gemeinsam kritischen Konsum anregen und den ehemaligen Lieblings-Shirts sozusagen ein zweites Leben schenken. „Second-Hand ist individuell, spart Ressourcen und schont gleichzeitig das Klima“, fasst Janina Schultze die Idee hinter der Aktion zusammen. So würden teilweise 40.000 Kilometer Strecke für ein einziges Kleidungsstück zurückgelegt, wenn es nicht an einem Ort produziert werde. „Leider ist vielen nicht bewusst, dass beispielsweise ein T-Shirt schon um die halbe Welt gereist ist, wenn es in der Einkaufstüte landet“, so die Projektleiterin.

 

Tauschen statt Kaufen zeige, dass ein nachhaltiger Lebensstil nicht zwangsläufig Verzicht bedeuten muss. Aktionen wie die Kleidertauschparty sollen die Bremer und Bremerinnen an das Thema Klimaschutz heranführen – dabei gehe es nicht um den erhobenen Zeigefinger, sondern um Geselligkeit und Austausch.

 

Auch Männer shoppen mit

Sich in gemütlicher Atmosphäre zu treffen und nach neuen Stücken für den Kleiderschrank zu suchen, scheint gut anzukommen: Der Klimamarkt ist gut gefüllt – neugierige Gesichter erspähen die ersten Wunschobjekte. Fleißig werden Shirts gegenseitig angehalten, Schuhe anprobiert und sogar Abendkleider angezogen. Es dauert keine halbe Stunde, da haben sich die Ständer merklich geleert. Unter den fleißigen Einkäufern tummeln sich auch zwei Männer. „Ich habe für mich und meine Frau etwas Passendes gefunden“, freut sich Michael über seine neue Errungenschaften.

 

Auch die 29-jährige Lena hat einen dick gefüllten Beutel mit Kleidung mitgebracht. „Mir passen die Jeans und Pullis leider nicht mehr. Für mich ist es eigentlich das Schönste, wenn jemand anderes daran Freude findet und die Sachen trägt“, erzählt die Meeresbiologin. Die Bremerin promoviert derzeit an der Uni Bremen, findet aber an den Wochenende häufig Zeit, um über Flohmärkte zu schlendern. Auch sonst sei ihr die Idee von getauschten Klamotten sehr vertraut: Regelmäßig trifft sie sich in geselliger Runde mit Freundinnen, um die aussortierten Sachen zu tauschen.

Anderen eine Freude machen

Lena scheint meinen Geschmack zu teilen – ein paar Minuten später sehe ich sie mit „meinem“ Kleid, das nun eine neue Besitzerin gefunden hat. „Das magst du echt nicht mehr? Ich finde es klasse!“ Lena hat Recht: Es ist wirklich ein schönes Gefühl, wenn man anderen damit eine Freude machen kann.

 

Der Klimamarkt ist noch bis zum 9. August in der Hemmstraße zu finden und sucht Verstärkung für das Ladenteam. Weitere Infos dazu und das Veranstaltungsprogramm gibt es im Internet unter www.klimamarkt2050.de oder bei Janina Schultze, Telefon: 0421 / 37 66 71 57.

 

Klimamarkt 2050, Hemmstraße 157, 28215 Bremen, Öffnungszeiten: Mo-Fr 15-20, Sa 11-18 Uhr, vormittags nach Terminabsprache, der Eintritt ist frei.

 

Fotos: Insa Lohmann

Letztes Update: 8. August 2013

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