Artikel aus "Rest des Lebens"

„Out of the Box“ – öfter mal die Perspektive wechseln

Die Fotoserie "Ali" zeigt in tragikomischen Portraits die Verzerrtheit und Fremdbestimmung Asylsuchender in Deutschland. Die abgebildeten Menschen wirken deplatziert, isoliert und machtlos – ein Sinnbild für den Zustand des Vorübergehenden, in dem sich die Geduldeten befinden.

Die Fotoserie „Ali“ zeigt in tragikomischen Portraits die Verzerrtheit und Fremdbestimmung Asylsuchender in Deutschland. Die abgebildeten Menschen wirken deplatziert, isoliert und machtlos – ein Sinnbild für den Zustand des Vorübergehenden, in dem sich die Geduldeten befinden.

Noch bis zum 26. Januar 2014 präsentiert die Hochschule für Künste (HfK) gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) die Ausstellung „Out of the Box“. Zu sehen gibt es beeindruckende Arbeiten aus den Studiengängen Integriertes Design und Digitale Medien. Ich habe mir die über 70 Exponate im Wilhelm-Wagenfeld-Haus angeschaut und verrate euch, was es mit einer Aseptic Bag, BundesTube und einem scheppernden Meißel auf sich hat.

Mit der dreimonatigen Ausstellung „Out of the Box“ präsentieren die HfK-Studierenden auf 350 Quadratmetern ausgewählte Projekt- und Abschlussarbeiten des letzten Jahres. Auf der Suche nach neuen Wegen und Gedanken sind Fotoarbeiten, Plakate, Collagen, Falttechniken, Websites und sogar Sportgeräte entstanden, die überraschen, neugierig machen und den Besucher zwingen, häufiger mal die Perspektive zu wechseln.

„Design ist nie Selbstzweck, sondern steht immer in Zusammenhang mit der Umwelt und den Menschen“, meint Sonja Pösel von der WFB. Jeder Raum ist anders gestaltet und so wird man interaktiv in die Ausstellung mit einbezogen – oft muss man Dinge drehen, drücken oder ein zweites Mal hinschauen, um die Idee zu erkennen.

 

Erdbeben, die plötzlich greifbar werden

Ganz zu Anfang entdecke ich eine Konstruktion, die sich „Shattered by nature“ nennt. Sie macht darauf aufmerksam, dass es jedes Jahr allein mehr als 2.000 Erdbeben der Magnitude fünf oder höher gibt. „Shattered by nature“ besteht aus einem Meißel, der mit einer Datenbank der weltweiten Erdbebenmessstationen verbunden ist – jedes Mal wenn ein Erdbeben registriert wird, schlägt dieser auf eine Betonplatte. Mir wirkt das Projekt zu abstrakt – bis es in meiner Anwesenheit dreimal ausschlägt. „Das ist unheimlich“, sagt eine Besucherin und auch mir wird deutlich, dass die Konstruktion keinesfalls abstrakt, sondern gerade ziemlich real ist.

Wie schwierig es ist, zunächst Abstraktes greifbar zu machen, weiß auch Lena Matull, Studentin im Integrierten Design: „Wir wollen zeigen, dass wir bei unserer Arbeit ausgetretene Pfade verlassen und abseits des Gewohnten denken müssen, um gute Ergebnisse zu erzielen.“

 

Faltgeometrie für die Medizin und Asylbewerber auf dem Kleiderschrank

Dafür muss das Rad nicht immer gleich neu erfunden werden. So kann die Idee für das Neue auch auf etwas Bekanntem beruhen, wie etwa beim „Aseptic Bag“, einem Entsorgungsgefäß für hochinfektiöse medizinische Abfälle. Hier verwendete Michel Bütepage die besondere Falttechnik des „umgestülpten Würfels“ als Vorlage für einen sterilen Verschluss (s. Foto).

Die eigene Haltung hingegen hinterfragt das Projekt „Ali“, in dem sich eine Studentengruppe kritisch mit der deutschen Asylpolitik auseinandersetzt. In ihren Porträtfotografien inszenieren sie Asylbewerber in absurden Posen in deren Unterkünften, beispielsweise auf einem Kleiderschrank liegend, und konfrontieren den Betrachter so mit der Absurdität des Systems. Die abgebildeten Menschen wirken deplatziert, isoliert und machtlos.

Der "Aseptic Bag" ist ein Entsorgungsgefäß für hochinfektiöse medizinische Abfälle. Die besondere Falttechnik, bei der die Außenflächen zweimal nach innen gefaltet werden, garantiert dabei einen sterilen Verschluss.

Der „Aseptic Bag“ ist ein Entsorgungsgefäß für hochinfektiöse medizinische Abfälle. Die besondere Falttechnik, bei der die Außenflächen zweimal nach innen gefaltet werden, garantiert dabei einen sterilen Verschluss.

 

Politiker-Gerede mundgerecht aufbereitet

Viele Projekte der Studenten greifen gesellschaftliche Fragen auf: Wie gehen wir mit Wohnungslosen um? Wie sehr sind wir von technischen Geräten abhängig? Oder wie gehen wir mit Tieren um? Auch die Bereiche Ökologie und Nachhaltigkeit spielen eine große Rolle: So schlägt die Arbeit „No Waste“ beispielsweise vor, Dinge wie Bohrmaschinen lieber zu tauschen statt zu kaufen – und damit unnötigen Müll zu vermeiden.

Einige Projekte widmen sich der Problematik der ständigen Reizüberflutung und präsentieren verschiedene Ideen, um Infos individuell zu filtern. Begeistert hat mich besonders die Plattform „BundesTube“, die Politiker-Videos so aufbereitet, dass Relevantes von Irrelevantem getrennt wird – was für eine schöne Vorstellung.

In „Out of the Box“ zeigen die HfK-Studierenden erneut die große Bandbreite ihrer Ideen – von experimentellen Entwürfen über industrielle Kooperationen bis hin zu preisgekrönten und patentwürdigen Werken. Damit richten sie sich sowohl an interessierte Laien als auch an Unternehmen auf der Suche nach talentierten jungen Designern aus Bremen.

 

Die Teilnehmer des Kurses "Visuelle Dialekte – typisch heute, typisch ich, typisch Bremen" haben auf vielfältige Art und Weise einen persönlichen Reiseführer für Bremen erstellt. Entstanden sind Zeichnungen, Plakate, Zeitungen und Booklets in verschiedensten Formaten.

Die Teilnehmer des Kurses „Visuelle Dialekte – typisch heute, typisch ich, typisch Bremen“ haben auf vielfältige Art und Weise einen persönlichen Reiseführer für Bremen erstellt. Entstanden sind Zeichnungen, Plakate, Zeitungen und Booklets in verschiedensten Formaten.

„Out of the Box“– Best of HfK-Design 2013
Die Ausstellung läuft noch bis zum 26. Januar 2014 im
Wilhelm Wagenfeld Haus – Design im Zentrum, Am Wall 209, 28195 Bremen, Öffnungszeiten: Di. 15 – 21 Uhr, Mi. – So. 10 – 18 Uhr. Führungen: Sonntags um 13 Uhr und nach Voranmeldung

Letztes Update: 18. Dezember 2013

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